Alles Schwindel

Allgemein, Musiktheater

 

Mischa Spoliansky & Marcellus Schiffer | Maxim Gorki Theater Berlin | 2017

Musikalische Leitung & Arrangements: Jens Dohle
Dramaturgie: Ludwig Haugk
Musik: Jens Dohle, Falk Effenberger & Steffen Illner
Bühne & Video: Julia Oschatz
Kostüm: Adriana Braga Peretzki & Frank Schönwald
Choreographie: Alan Barnes
Fotos: ©Ute Langkafel


»Christian Weise nützt in seiner hinreißend komischen Inszenierung den Schwindel als Stilprinzip und macht die Zuschauer zu Komplizen, die mit Vergnügen verfolgen, wie Catherine Stoyan als „Schmutzmachefrau“ imaginären Putz von den Wänden schlägt und dann Täfelchen mit aufgepinselten nackten Ziegeln aufhängt. Die Figuren sind volkstheaterhaft dick geschminkt, die Männer haben oft stramme Schnurrbärte umgebunden, die Frauen tragen meist Mode der Goldenen Zwanziger an. Alle sehen bizarr und fantastisch aus, singen die ironisch-famosen Lieder und Couplets gekonnt, charmant, beglückend, können Charleston und Foxtrott. „Ein Wunder- Wunder- Wunder- Wunder- / Wundervoll“ schwärmen sich einmal Evelyne und Tonio an, und das trifft diese Aufführung genau.«

Irene Bazinger, Frankfurter Allgemeine Zeitung

»REVIEW: Alles Schwindel, Maxim Gorki Theater Berlin ✭✭✭✭✭

It is with some significant pleasure, then, that one unearths this astonishing pearl of a musical comedy, first – and last – seen in 1931. The slender plot, a fragile confection of well worn musical comedy tropes involving simple poor folk pretending to be something remarkable and rich, is not something that should detain us long, nor does it. It is, however, a wonderful hangar from which is suspended a veritable deconstruction of pretence and truthfulness in a comedy of manners that could have been written yesterday. For this, our thanks are due to the brilliant team led by house director, Christian Weise, whose guardianship of the revival of this flim-flam transports the experience of its revivification into the realm of serious art in a way that is a real rarity in musical theatre. […]
The rest of the team support the enterprise with a string of achievements that stimulate the mind as much as they dazzle the senses. The music direction of Jens Dohle is of central importance to this: his arrangements lurch wildly through epochs and styles, rarely lingering long in any one, clearly identifiable mood; somehow, though, he makes sense of it all, and manages to incorporate everything from the Charleston to R’n’B. Similarly eclectic and startling choreographic effects are drummed up by the wild imagination of another regular Weise collaborator, Alan Barnes, a graduate of the Dance Theater of Haarlem, and Arnie Zane and Bill T Jones company. With strikingly expressionistic – and rather contemporary – 2-D designs by another trusted collaborator, Julia Oschatz, with costumes by Adriana Braga Peretzki and Frank Schönwald, and with wonderful lighting by Jens Krüger and superb projections by Oschatz and Jesse Jonas Kracht, this is a production that makes a stunning phyiscal impact upon the senses. […]
It was all huge fun and I can’t wait to discover more of the work of this lovely maker of musical comedies, who became one of our very own, the inestimable Herr Spoliansky.«

Julian Eaves, BritishTheatre.com

»Die Revue ist längst kein angesagtes Genre mehr, Spoliansky kein klingender Name im deutschen Theaterbetrieb. Durchaus unverdientermaßen, wie das Gorki jetzt beweist. Klar verdankt sich der Spaß an „Alles Schwindel“ zu großen Teilen dem frischen Zugriff von Regisseur Weise. Im tollen expressionistischen Bühnenbild mit Blenden und riesiger Kameralinse an der Rückwand (Julia Oschatz), auf die je nach Szene überzeichneter Berliner Kolorit oder Malerei der Epoche projiziert werden, lässt er das Ensemble nach Herzenslust überagieren, kalauern, Augenrollen. Dazu passen aufs Beste die Kostüme (Adriana Braga Peretzki und Frank Schönwald), die zwischen Smoking-Fatsuit und knalliger Travestie changieren. Sehr lustig, sehr gay. […] Im Zentrum steht das Pärchen Evelyne Hill (Vidina Popov) und Tonio Hendricks (Jonas Dassler), beide eine komödiantische Wucht. […] Zum formidablen Revue-Sound einer Combo unterm Zylinderhut (musikalischer Leiter: Jens Dohle, Falk Effenberger und Steffen Illner), stürzen sich die beiden in die handlungstragende Burleske um eine gestohlene Halskette. Die hält hintersinnige Eingemeindungs-Songs („Schließt euch an! Unserer Gemeinschaft an…“), Operetten-Nazis, Spitzen gegen die verlogene Gesellschaft und Brüche mit der Theater-Illusion parat. Und ist in allererster Linie ein enormes Vergnügen.«

Patrick Wildermann, Tagesspiegel


»“Will man ein Leben lang Erna Schmidt am Hals haben?“ Nein. Und deshalb schlägt Toni − der zwar selbst nicht der Millionär Toni ist, sondern Chauffeur Alfred und noch eigentlicher der sich grandios abrackernde Schauspieler Jonas Dassler − deshalb schlägt er nun also einen furiosen Salto und haut ab.
Der schmissige Salto-Abgang aber zeigt so etwas wie den inhaltlichen und artistischen Kern des gnadenlos auf Unterhaltsamkeit getrimmten Theaterstile-Zirkus, den Regisseur Christian Weise im Gorki-Theater gebastelt hat.
Schon als der Komponist Mischa Spoliansky und sein Librettist Marcellus Schiffer die „Burleske“ 1931 am Kudamm herausbrachten, mochte, wer ein bisschen rumkam in der Stadt, die süffig-ironische Gesellschaftsrevue als eine Art weichgespülte „Dreigroschenoper“ für Besserverdiener erkannt haben. Noch heute klingt das durch, vielleicht auch weil Weise den „Schwindel“ noch ein bisschen netter auftupft.«

Doris Meierhenrich, Berliner Zeitung


»Spolianskys Musik bleibt sensationell, harmonisch sehr mutig und immer filigran – das Trio um Jens Dohle folgt ihr in alle Verästelungen. Das war mal deutsche Moderne. Sie wurde vertrieben und vernichtet.«

Barbara Behrendt, RBB


»Seit ein paar Jahren werden die Revue- und Operettenwerke von Mischa Spoliansky wiederentdeckt. In den 20er und 30er Jahren war der russisch-britische Komponist und Pianist ein gefeierter Star in Berlin und galt als musikalisches Wunderkind. Auch das Berliner Maxim Gorki Theater hilft dabei mit, seine Musik der Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen.«

Michael Laages, Deutschland Funk



»„Passt das wirklich ins Gorki?“, fragte sich manch einer nach dieser turbulenten Premiere, die mit ausdauerndem Applaus und einer Zugabe zu Ende ging. „Ist das noch postmigrantisch, postdramatisches Theater?“ Schon, wenn der Komponist ein russisch-jüdischer Berliner ist, der nach London emigrieren musste, und der Texter, Sohn eines jüdischen Holzhändlers, sich aus Angst vor dem aufkommenden Faschismus 1932 in Berlin das Leben nahm.
Und es ist doch auch eine Revue mit allem Drum und Dran: Mit Saxofonsolos aus Pappe, singenden Kaffeekannen und tanzenden Ketchup-Flaschen, Witz, Esprit, Glamour.«

Christiane Rösinger, taz