Elizaveta Bam

Allgemein

Daniil Charms | Landestheater Tübingen | 2013

Dramaturgie: Maria Linke
Musik: Falk Effenberger
Bühne & Kostüm: Moritz Müller




»“Elizaveta Bam“ ist die reinste Pointenverweigerung! Im Gegensatz zu Elfriede Jelineks „sinnflutartiger Winterreise“ kommt man hier mit wenig Worten aus, dafür ist alles Effekt, Verpackung, Performance, optische Ausschweifung. Hier können sich alle verausgaben: Schauspieler, Regie (Christian Weise), Ausstatter (Moritz Müller) und auch der Musiker (Falk Effenberger).

Schon Charms selbst verpasst jeder Szene ein eigenes Genre wie „realistisches Melodram“ oder „balladeskes Pathos“. So was lässt sich die Regie selbstverständlich nicht zweimal sagen und fährt alles auf, was geht. Und genauso wie die Sprache keinen verlässlichen und bedeutsamen Halt mehr bietet, gilt das für den Raum, die Zeit, die Wirklichkeit: Die Bühne ist zunächst einmal im Realismus gehalten und zeigt Elizavetas Wohnung mit echt Strom und Wasser. Sie kommt gerade nach Hause, verstaut ihre Einkäufe, übt ein paar Tanzschritte, trinkt Tee, aber irgendwas ist komisch. Könnte es sein, dass es an der Gesamtschräglage liegt? Und so wird die gesamte Bühne noch genauso schön zerlegt werden wie die Wirklichkeit, verwandelt sich in ein Kasperletheater, in einen Zirkus.«

Kathrin Kipp, Südwest Presse







»Das Landestheater Tübingen gab dem Nonsens-Stück »Elizaveta Bam« am Samstagabend unter Christian Weises Regie ein durchaus originelles Gesicht. Christian Weise lässt zu Beginn den Alltag auf die Zuschauer wirken. Und zwar ausgiebig. Selbst der Toilettengang wird nicht ausgespart. Der Kontrastmoment folgt hernach: Elizaveta äußert plötzlich Angst, und das in völlig übertriebenen Gesten, die von bedrohlicher Musik untermalt werden. Dies alles wirkt auch durch die Beleuchtung wie ein alter Schwarz-Weiß-Horrorfilm. Der Teppich für die beiden Verfolger ist gelegt. Ab nun scheint es, als ob für Elizaveta nur noch die Flucht in die Fantasie infrage kommt. Denn ein gewöhnlicher Aus- oder Fluchtweg scheint nicht möglich zu sein.

Das Publikum zeigte sich bei der Premiere außerordentlich begeistert, und in der Tat trugen der szenische Ideenreichtum und der Spieleifer der Schauspieler zu einer forschen Interpretation eines Stückes bei, das sich ganz dem Schabernack und Quatsch hingibt.«

Dagmar Farad, Reutlinger General Anzeiger



» Mit ohne Sinn&Verstand:
Am LTT wurde eines der verrücktesten Theaterstücke der Welt in Szene gesetzt

„Wenn Sie zu uns kommen, vergessen Sie alles, was Sie in allen Theatern zu sehen gewohnt sind. Vieles wird Ihnen vielleicht unsinnig erscheinen“ heißt es im Manifest der Künstlergruppe OBERIU, der Daniil Charms angehörte. „Elizaveta Bam“ ist tatsächlich dermaßen verrückt, dass man es nur noch mit dem Unverrücktesten toppen kann: Eine Frau hantiert gefühlte zehn Minuten in ihrer Küche herum, Alltagsverrichtungen, hier ein Schrank auf, dort eine Dose, hier was ins Spülbecken kippen, dort was ins Klo. So lässt Regisseur Christian Weise diesen Abend beginnen.

Und das ist Theater? Ja, das ist Theater

Und das ist Theater? Fragt sich der Zuschauer. Ja, das ist Theater. Die erwartete Verrücktheit ist aber doch auch schon da, denn die heile Küchenwelt liegt bereits enorm abschüssig, schräg (Bühne: Moritz Müller). Kippt aber erst, als plötzlich – Lichtwechsel, Musik – die Frau in ihr zu einer grell ausgeleuchteten, von Falk Effenberger mit dräuend verfremdeten Hammondorgel-Tönen unterlegten, expressionistischen Stummfilmdonna mutiert, angstverzerrt. Sie hat auch allen Grund dazu, denn es klopft an der Türe, zwei Herren begehren Einlass.

Elizaveta Bam soll jemanden umgebracht haben und nun verhaftet und abgeführt werden, sie streitet es ab. Wir sind in diesem Moment bereits nicht mehr im Stummfilm, sind schon in einem anderen Film, und als die beiden Herren die Küche betreten, sind wir auch nicht mehr in diesem, sondern bereits im nächsten Film. Denn Nikolajewitsch und Iwanowitsch, die Herren, haben nun etwas von Clowns, wir sehen die ersten einer ganzen Reihe artistischer Nummern.

Und so wird das in den folgenden eineinhalb Stunden weitergehen. Immer, wenn man sich auf eine Geschichte, eine Logik eingestellt hat, wird sie zerstört. Keine Logik. Tausend Logiken. Alles nur Theater. Ein großer, surrealer, absurder Bilderbogen. Elizaveta flüchtet in den Keller, die beiden Herren sägen in der Küche oben mit der Flex ein Loch in die Wand, später kehren sie als Feuerwehrleute wieder. Im geöffneten Schrank schlafen Elizavetas Eltern, die wir wenig später, Wand weg, Vorhang auf, als mannsgroße Kasperlfiguren sehen, Vorhang zu.

Heldenepos Zirkusmanege

Und weiter: Ein Mann steht nackt in der Küche. Und dann: Ein Wolf kommt herein. Jedes Mal ein anderes Genre, das für sich jeweils ernst genommen und dann achtlos weggeschnippt wird. Kurz befinden wir uns in einem Mantel&Degenstück, bei Kunstlied und Oper, im Märchen, im russisch-volkstümlichen Theater, alles wird durchdekliniert, angespielt, das Niedere und der hohe Ton, Heldenepos und Ki-hin-dersche-herz, Tragödie und Fliegenpipi, manches hat seine Reprisen. Und immer wieder kehrt man zum Zirkus zurück.

All das bietet höchste Unterhaltung, Spannung: Wenn die Schöne des Hauses dem Furchtbaren des Waldes begegnet, wenn der Clown mit der Tücke des Mikrophonständers kämpft, wenn zwei Herren minutenlang mit einem Schild vor der Brust das Publikum anschweigen, Aufschrift: PAUSE GEBRAUSE. Ist jetzt Pause? Oder nicht? Soll man aufstehen? Was wird jetzt passieren?

Ja, was wird jetzt passieren? Das ist generell die Frage dieses Abends. Es ist eine neugierige, lustvolle, prickelnde Frage, denn so viel Überraschung, so viel pralles Theater bekommt man selten. So viel Sinnlosigkeit auch. Was zur Frage führen könnte, was Sinn überhaupt bedeutet, worin er liegt, wenn wir offenbar, zumindest für einen Abend, aufs vergnügteste ohne ihn auskommen oder schon in den kleinen sinnzerstörenden Minibits von Charms genug von ihm haben. Ohne je genug von ihm zu bekommen.

Dass es funktioniert, liegt einerseits am Gespür des Autors, ganz entscheidend aber an Regisseur Christian Weise und dem Spielwitz seiner Schauspieler. An Patrick Schnicke als Iwanowitsch, dem erst vor zwei Wochen für den verletzten Martin Maria Eschenbach eingesprungenen Johannes Benecke, an Hildegard Maier als Mutter und Udo Rau als Vater, an Karlheinz Schmitt als Bettler und Wolf und an Margarita Wiesner, die als geborene Kasachin die russische Sprache mit ins Spiel bringen darf, die Elizaveta bisweilen mit der Eleganz eines weiblichen Buster Keaton gibt.

Man kann das erst richtig beurteilen, wenn man den Text liest und dann die Inszenierung sieht. Vom Blatt spielen geht hier nicht. Das Stück ist eine Vorlage, mitnichten eine Steilvorlage, sie muss gefüllt und verlängert werden. Manchmal tun sie hier aus einer Angst heraus des Guten zu viel. Charms selbst setzte sicher mehr auf Widerborstigkeit, Sinnentzug, trockene Provokation. Die LTT-Inszenierung ist sicher nichts für Charms-Puristen. Aber wir sind hier nicht in einem Charms-Museum oder Charms-Lehrstuhl, nicht im Dada-Salon in Zürich oder einer Künstlergruppe im Leningrad des Jahres 1927, sondern im Tübinger Landestheater des Jahres 2013 – wo der Zuschauer, der den Kopf schüttelt über so viel Unsinn, das noch mit einem glücklichen Grinsen tun soll. Und mit dem Gefühl, richtig viel Theater bekommen zu haben.«

Peter Ertle, Schwäbisches Tagblatt