Endstation Sehnsucht

Allgemein, Schauspiel

 

Tennessee Williams | Nationaltheater Mannheim | 2019

Dramaturgie: Sascha Hargersheimer
Musik: Falk Effenberger
Bühne & Kostüme: Paula Wellmann
Choreographie: Michael Bronczowski
Fotos: ©Hans Jörg Michel



»Schnell wird klar: ausgerechnet die versponnene Blanche ist hier die einzige normale Person. Die anderen Figuren sind überzeichnet, sind Typen, auf ihren dicken Bauch, ihren dicken Hintern, auf Details reduziert wie auf den Gemälden eines George Grosz. […]

Auf der Bühne ist alles schief

Weises Stück ist ein Echo der Verfilmung von „Endstation Sehnsucht“, aus dem Jahr 1951, mit Marlon Brando und Vivien Leigh in den Hauptrollen. Das Bühnenbild von Paula Wellmann zeigt eine Welt, in der die Perspektiven nicht stimmen. Ein Puppenhaus, das auf eine schiefe Ebene montiert wurde, als könnten die spärlichen Möbel, die Badewanne jederzeit ins Publikum rutschen.

Hässlich wie Houellebecq, blass, brutal und dumm

Diese Schieflage setzt sich in den Figuren fort – gleich das erste Bild zeigt Stella und Stanley als Karikaturen, als mechanische Puppenmenschen, die eingeübte Verhaltensmuster wiederholen. Vor allem Christoph Bornmüller als Stanley ist das Gegenteil zum Sexsymbol Marlon Brando, der dem unterprivilegierten Stanley Glamour gab, ihn zu einer nachvollziehbaren Figur machte. Bornmüller hingegen ist hässlich wie Houellebecq, er ist blass, brutal, dumm, eindimensional.

Johanne Eiworth: Würdevolle Schrulligkeit

Christian Weises Inszenierung am Nationaltheater Mannheim ist gelungen, gerade weil sie formal streng ist und die Figur der Blanche fokussiert. Nur sie ist glaubwürdig als Frau, die mehr vom Leben will als es ihr geben kann. Hauptdarstellerin Johanna Eiworth füllt diese Freiheit gekonnt aus, gibt Blanche eine würdevolle Schrulligkeit. Für Menschen wie sie ist in dieser Welt kein Platz – am Ende bleibt das Publikum mit einem schrecklichen Realisten wie Stanley allein.«

Daniel Stender, SWR




»Ein bisschen Alice im Horrorland, eine Portion Wahnsinn und perfider Spielwitz in rohe Gewalt getränkt: Christian Weise pfeift in einer mutigen Inszenierung von Tennessee Williams’ „Endstation Sehnsucht“ auf Konfliktlinien, die das Stück traditionell mit sich bringt. Es geht nicht um Klassenkämpfe, nicht mal um Geschlechterrollen. Weise erstickt die Protagonistin Blanche DuBois in ihrem persönlichen Albtraum und offenbart dabei einen in Williams’ Dialogen enthaltenen Humor, der die schauderhafte Bühnenatmosphäre mal untermalt, mal auflöst. So sorgt er für dringend benötigtes, wenn auch bittersüßes Gelächter in einer furchtbaren Welt. […]

Das Bühnenbild ist wie aus einem surrealen Gemälde herausgeschnitzt. Vor dem blau beleuchteten Grundraum steht Stella und Stanleys wenige Quadratmeter große gotische Behausung als vierteiliges mobiles Bühnenkonstrukt im 45-Grad-Winkel Richtung Zuschauerraum; die Vorhänge und Wände sind schwarz, die Möbel stehen schräg und sind türkisgrün angepinselt.

Schräg sind auch die Figuren. Johanna Eiworth spielt eine flatterhafte, zwischen manischem Kindergelächter und naiver Scheindominanz schwankende Blanche, deren Nervenkostüm völlig abgewetzt ist. Als der Vorhang fällt und sich das amerikanische Gruselkabinett offenbart, steht Eiworth bereits zitternd am Eingang zur Hölle. […] Die Hackordnung in dieser Horrorgeschichte ist entschieden, der Verfall ein Zustand, kein Prozess.

In diese Philosophie fügt sich Stanley Kowalski. Weit entfernt von Marlon Brando, der einst im Feinripp-Unterhemd den Repräsentanten der „neuen“ Arbeiterklasse spielte, ist Bornmüller: Untersetzt, mit fettigen Haaren und häufig gebleckten Zähnen zeigt er einen heimtückischen, gierigen Ehemann, dessen Anziehung zu Stella im Gruselkabinett keinen Platz hat, sich zu entfalten. […]

Wenn Blanche einen ihrer manischen Momente hat, herrscht rechts und links absoluter Stillstand, die Endstation ist erreicht. Selbst die schwarzen Vorhänge sind festgeklebt und liegen, Dalis Uhren in „Die Beständigkeit der Erinnerung“ ähnelnd, wie ein zerronnener Traum über den Möbeln. Blanche bleibt nur der Wahnsinn, um ihre Identität wiederherzustellen. Sie torkelt ihrer angeschwärzten Grandeur hinterher, und je länger die Aufführung dauert, desto mehr entfremdet sie sich ihrem persönlichen Albtraum in einem Moment seltener emotionaler Ernsthaftigkeit, bis sie schließlich, von Alkohol triefend, völlig den Verstand verliert. In der Horrorszenerie wirkt sie genau dann menschlicher denn je. Eine radikale Sichtweise auf die Sehnsucht. Chapeau, Christian Weise.«

Sebastian Blum, Rhein-Neckar-Zeitung




»„Ich will keinen Realismus, ich will Magie“, sagt Blanche DuBois, deren Leben gerade in eine gefährliche Abwärtsspirale geraten ist. Blanche entstammt dem Geldadel der US-amerikanischen Südstaaten, war Lehrerin, konnte sich vor Verehrern kaum retten. Jetzt gehört der Familienbesitz den Banken, aus Heiratskandidaten sind flüchtige Liebhaber geworden, und ihren Job hat sie wegen der Affäre mit einem Schüler verloren. In New Orleans bei ihrer jüngeren Schwester Stella sucht sie nun Unterschlupf. Aber die ist mit Stanley Kowalski verheiratet, Fabrikarbeiter und Sohn polnischer Einwanderer. Von ihren hochfliegenden Lebensträumen will Blanche trotzdem nicht lassen, die Ernüchterung wird brutal, am Ende ist sie ein Fall für die Psychiatrie.

Auch Christian Weise mag keinen Realismus. Er will Wirklichkeit nicht abbilden, sondern durchschauen, will sich in die Figuren eines Stücks nicht einfühlen, sondern ihre Gefühle und Haltungen freilegen und nach außen stülpen. Er setzt dafür drastische Mittel ein, lässt sein Personal altern, verunstaltet es mit klobigen Fatsuits, verpasst ihm schlabbernde Kleider und komische Frisuren, lässt hysterisch jammern oder aggressiv brüllen und mit der exaltierten Gestik von Stummfilmdarstellern agieren. Und wenn alles gut geht, wenn diese Realismus-Austreibung gelingt, dann erscheint plötzlich hinter all dem überdrehten Getue und Gerenne eine blitzende Wahrheit. Bei Tennessee Williams funktioniert dies ganz wunderbar in einem Finale voll poesietrunkener Ernüchterung.

Aber erst einmal sperrt Weise die Figuren dieses Nachkriegsmelodrams in ein windschiefes, beengtes Zwei-Zimmer-Häuschen mit Mini-Terrasse. Die Bühne von Paula Wellmann, die auch die in Pink-Blau-Grün-Tönen gehaltenen Kostüme entworfen hat, sieht aus, als wäre sie aus einem Bilderbuch oder einem Comic gefallen. Auf engstem Raum drängen sich nicht bloß Blanche, Stella und Stanley, sondern auch alle Nebenfiguren: die Hausbesitzerin Eunice mit Ehemann und Stanleys Pokerfreunde. Es ist kein proletarisches Milieu, wie von Williams gedacht, sondern eine bräsig-unbewegliche Kleinbürgerwelt am Rande des Prekären. Man trägt Anzug und Krawatte, kann sich aber nur noch eine schäbige Wohnschlafküche mit Bad leisten. Der Ort ist ein Problembiotop, die Katastrophe vom ersten Moment an unausweichlich. Und Blanche, die Fremde, die hier eindringt, ist der Auslöser.

Das macht den Abend bei aller Unterhaltsamkeit eine ganze Weile ziemlich absehbar. Aber dann fliegt alles buchstäblich auseinander. Die Bühnenteile, die zuvor schon einzeln für intime Szenen herausgelöst worden waren, fallen gänzlich zusammen und werden schließlich hinausgeschoben. Die große Bühne ist nun ein leerer blauer Raum, nur vorn links steht noch der Flügel des Musikers Falk Effenberger, daneben der Barhocker, auf dem Tala Al-Deen als androgyner Engel todtraurige Popsongs ins Mikrofon röchelt.

Für einen schönen Moment darf nun die Magie über den Realismus siegen, dürfen Blanches Träume wahr werden, darf sie im Goldkostüm mit dem unbeholfenen Mitch tanzen, während die anderen sie wie in einem Musical choreografisch begleiten, und es Glitzerkonfetti vom Bühnenhimmel regnet. In diesem unwirklichen Moment erscheinen Blanche und Mitch endlich ganz bei sich selbst, Johanna Eiworth hat ihre hysterische Aufgekratztheit abgelegt, Matthias Breitenbach seine weinerliche Dicklichkeit. Einen Moment lang könnte alles gut werden. Aber dann behält doch der Realismus die Oberhand. Stanley, dem Christoph Bornmüller die verschlagene Aggression eines enttäuschten Aufsteigers verleiht, hat Mitch über Blanches Vorgeschichte aufgeklärt. Blanche ist für die Männer nun nur noch ein Sexobjekt.

Mitch demütigt sie mit Worten, Stanley vergewaltigt sie. Und auch Stella, von Nancy Mensah-Offei als eher unsensible, ewig nagelfeilende Vorstadtschönheit gespielt, überlässt die Schwester herzlos-pragmatisch den Leuten vom psychiatrischen Notdienst. Gesiegt hat der Realismus, aber in Erinnerung bleibt die magische Widerstandskraft dieses Theaterabends.«

Dietrich Wappler, Die Rheinlandpfalz