Herr Ritter von der traurigen Gestalt

Allgemein

Soeren Voima | Staatstheater Stuttgart | Uraufführung: 2006

Nach Motiven des „Don Quijote“ von Miguel de Cervantes Saavedra
Bearbeitung von Soeren Voima

Dramaturgie: Kekke Schmidt
Musik: Jens Dohle
Bühne: Volker Hintermeier
Kostüm: Ulrike Gutbrod





»Inmitten eines Meeres aus roten Stoff-Mohn-Blumen steht sie da- eine schmale, kleine Person im grauen Anzug. In fast Thomas-Berhardscher-Manier räsoniert Corinna Harfouch, die diese unscheinbare, wenn auch in ihren Ideen etwas skurrile Alltagsgestalt gibt, über die Verschwörung der Geisteswissenschaftler, der Pfaffen und der polnischen Putzfrau gegen sie, der sie doch nichts anderes möchte als in ihren Romanen schmökern – „Parsifal“, „Der Herr der Ringe“ oder die „Artussage“ vorzugsweise. Nur durch ihr präsentes, wahrhaftiges Spiel, den expressiven Tanz der Hände, zieht die großartige Schauspielerin das Publikum in diesem halbstündigen Monolog in den Bann. Dann geht sie ab, um kurz darauf in Rüstung auf einem leibhaftigen Pferd zurückzukehren. Der „Herr Ritter von der traurigen Gestalt“ hat den Kampf der Phantasie gegen die schnöde Welt aufgenommen.

Corinna Harfouchs stupende Schauspielkunst adelt die Uraufführung von Soeren Voimas moderner Adaption von Cervantes‘ Don-Quijote-Roman am Stuttgarter Schauspiel. Aber das übrige Ensemble agiert kongenial an ihrer Seite, allen voran Boris Koneczny als Günther, der sich dem Ritter anschließt, nachdem seine Schrebergartenlaube abgebrannt ist, sowie Catherine Stoyan als immer etwas überdrehte, hysterisch kichernde Erika, die doch nur auf der Suche nach wenigstens einem kleinen Glück ist. Der Herr Ritter gerät in diesem schrägen, tragikkomischen Stück in die triste Realität von Hartz-IV-Deutschland. Das Aufeinanderprallen der Welten des Ritters, der seine mittelalterlichen Ideale von Gerechtigkeit, Wahrheit, und Ehre lebt, und dem Alltag der sich irgendwie durchs Leben wurschtelnden Looser am Rande der Gesellschaft zündet komödiantische Funken, sowohl was die sprachliche Ebene angeht als auch die Charakterisierung der Figuren.

Regisseur Christian Weise arbeitet gesellschaftliche und soziale Gegebenheiten des Heute heraus, überzeichnet schrill, ohne je die Figuren an die Karikatur zu verraten. Der Zuschauer fühlt mit diesen schrägen Gestalten mit, sei es der phantasiebegabte Herr Ritter oder die Würstchen grillenden und Bier trinkenden Normalos aus dem Schrebergarten. In den zeitlupenhaft inszenierten Kampfszenen wiederum bricht der Regisseur das meist naturalistische Spiel und führt eine fast surreale Ebene ein. Im zweiten Teil dann reflektiert er mittels eines Puppenspiels die Fiktionalität der Don-Quijote-Figur ebenso wie auch die Mechanismen der modernen Medien-Entertainment-Gesellschaft. Denn der Ritter ist unversehens zum begehrten Objekt der Marketing-Strategen geworden. Weises Inszenierung ist so wunderbar unterhaltsam wie tiefsinnig, zugleich auch vielschichtig und klug durchdacht. Die drei Stunden der Aufführung vergehen wie im Flug. Ein theatrales Plädoyer für die Macht und Kraft der Phantasie und des subversiv Widerständigen.«

Claudia Gass, Die Deutsche Bühne




»Jacke und Hose sind etwas zu lang an dieser schmächtigen Person, dem Design nach stammen sie aus der Altkleider-sammlung. Doch der Geist dieser Person ist hellwach. In einem grandiosen 20-Minuten-Monolog entlarvt Corinna Harfouch einleitend in Bernhardscher Manier das vergebliche Streben der Geisteswissenschaften. Bei aller Brillanz und Präzision ihres Spiels: Das ist nur der Auftakt zu einem überwältigenden Bilderbogen, zu einem überbordenden Erzähltheater, das Regisseur Christian Weise im Kammertheater entwickelt hat. In dem Stück „Herr Ritter von der traurigen Gestalt“ schickt der Dramatiker Soeren Voima den wackeren Ritter Don Quijote aus Cervantes gleichnamigen Roman in die Lebenswirklichkeit von heute. Das Uraufführungspublikum war am Ende begeistert von diesem Kniff und den schauspielerischen Leistungen.»

Armin Friedl, Stuttgarter Nachrichten






»Und erst zum Schluss, mit den letzten Sätzen dieser dreistündigen, aber höchst kurzweiligen Tragikomödie, schauen wir hinter das bisher nur vage geahnte Geheimnis des fahrenden Ritters: Er ist ein Filialleiter im Ruhestand, übermannt von Visionen, ausbrechend aus seiner Wohnung: „Gebt meine Ritter mir zurück!& quot;

Aber ja doch, bitte schön: ohne Sozialkitsch, ohne romantische Verklärung, aber auch ohne billige Denunziation führt uns diese Donquijoterie durch Lebenswelten, deren Anblick zum Heulen wäre – wäre da nicht dieses wunderbare, im Geiste eines Moritz Rinke geschriebene Stück, das mit dem Nonsens eines Bully Herbig inszeniert und mit der Empathie eines, sagen wir, Günter Wallraff von einem vorzüglichen Ensemble gespielt wird, trefflich ausbalanciert zwischen Witz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung. Das Premierenpublikum dankte mit mehr als ritterlichem Benehmen. Grenzenloser Jubel für den Regisseur Christian Weise, für Harfouch & Co.!«

Stuttgarter Zeitung