Die Räuber

Allgemein

 

Friedrich Schiller | Nationaltheater Mannheim | 2018

Dramaturgie: Annabelle Leschke, Maria Viktoria Linke
Musik: Falk Effenberger
Bühne & Kostüm: Joki Tewes & Jana Findeklee
Fotos: ®Jana Findeklee, Hans Jörg Michel



»Die Demontage eines Klassikers macht durchaus Laune.«

Steffen Becker, Nachtkritik






»Aus den Böhmischen Wäldern ist tropischer Urwald geworden, in dessen dumpfer Luft die Restfamilie Moor (klingt der Name nicht schon nach Sumpf?) als schrille Monsterbande haust: Vater Moor, den Almut Henkel als Mischung aus Gruselgreis und züngeln- der Schreckschraube darstellt, während (der letzthin großartig vielschichtige) Christoph Bornmüller als bucklichter, verwarzter Franz im Schimpansengang durch die Behausung hüpft und die von ihm begehrte Amalia in Gestalt von Sarah Zastrau den Anschein erweckt, sie müsse sich alsbald auf dem Jahrmarkt, als Beispiel hochgewachsener Weiblichkeit zur Schau stellen lassen. Und Karl? Der Erstgeborene aus dem Hause Moor und Hauptmann der „Räuber“ kommt (gespielt von Nicolas Fethi Türksever) als tattriger Knacker mit soooo ’nem Bart daher. Das alles in einem Ambiente und in Kostümen, die Jana Findeklee & Joki Tewes mit üppigen Zutaten skurril angestaubter Verlebtheit ausstatten.

Ist das Schiller-Schändung? Erstaunlicherweise geht Weises Regiekonzept besser auf, als man zunächst vermuten möchte. Die Patina, die das Stück angesetzt hat, wird an die Rampe gerückt, und plötzlich wird es grell um Sätze wie „Stelle mich vor ein Heer Kerls wie ich, und aus Deutschland soll eine Republik werden, gegen die Rom und Sparta Nonnenklöster sein sollen.“ Deutschland, Deutschland über alles?«

Michael Hübl, Badische Neue Nachrichten




»Das Spiel des altersschwachen Tropenensembles ist aber auch mit Querverweisen zur jüngsten deutschen Geschichte gespickt.
Die bei Schiller jugendlichen Mohr-Brüder leben inzwischen im Altersheim, das zu allem Überfluss auch noch in einer subtropisch-kolonialen Gegend steht. Aus dem Böhmerwald ist ein Urwald mit Tigergebrüll geworden (Bühne und Kostüme: Jana Findeklee und Joki Tewes). Da mümmeln, dämmern, wackeln und randalieren Almut Henkel als grenzdebiler Graf von Moor, Nicolas Fethi Türksever als Räuberhauptmann Karl und Christoph Bornmüller als intriganter Mohr-Bruder Franz derart entgrenzt, dass man meint, die ARD-Klimbims aus den Siebzigerjahren seien wiederauferstanden.

Das Spiel des altersschwachen Tropenensembles ist auch mit Querverweisen zur jüngsten deutschen Geschichte gespickt. Christian Weise spannt einen Bogen von der Euphorie des jungen Schiller, der sich eine deutsche Nation jenseits von Fürstenherrschaft und Kleinstaaterei wünschte, bis hin zu den Ermüdungserscheinungen der aktuellen Merkel-Regierung. Warum das in einer kolonialen Szenerie spielt, erschließt sich nicht. Trotzdem verfolgt man gebannt, wie Weises Greisenchaos den eigenen Untergang zelebriert.«

Jürgen Berger, Süddeutsche Zeitung