Ruf der Wildnis / Stimme des Kapitals

Allgemein

von Soeren Voima nach Jack London | Staatstheater Darmstadt | 2017

Dramaturgie: Maximilian Löwenstein
Musik & Komposition: Jens Dohle & Falk Effenberger
Bühne & Kostüm: Jana Findeklee & Joki Tewes
Fotos: © Jana Findeklee





»Am Darmstädter Staatstheater hat man sich für sozialistisches Cabaret entschieden. All die Natursehnsucht spielt in der Inszenierung von Christian Weise keine Rolle mehr. Der Fokus liegt auf der Ausbeutung und Versklavung der Tiere. Diese, wie es in dem Stück heißt, Skelette in Fell, die zum Sinnbild für die Unterdrückung der „Working Poor“ wird. Aus Londons „Ruf der Wildnis“ ist ein herrlich überdrehtes Lehrstück über den Raubtierkapitalismus geworden, eine schrill-kämpferische Revue. Das dürfte tatsächlich im Sinn des Erfinders sein: Jack London […] war ein Verehrer von Karl Marx. […] Alles ist künstlich und überdreht in dieser Inszenierung. Der Eisbrocken sieht aus, als stamme er aus Disneyland, die Darsteller treten in enganliegenden, fleischfarbenen Kostümen, die mit Zottelhaar bestickt wurden, auf. Es gibt live gespielten Rummelplatztechno und Countryschmalz, blinkende Lichterketten und viel Geschrei. Hölderlin und Shakespeare werden zitiert, die Doors, Obama und Trump. Die Schauspieler sind halb Mensch, halb Tier. In einem Moment schlürft man kultiviert Tee, im nächsten Moment wird das Bein gehoben und in die Ecke gepinkelt.

Die Geschichte des Hundes Buck wird mal heruntergeleiert, mal gesungen, mal proklamiert – meistens im Chor. Das Elend ist hier eine bizarre Farce. Oscar Olivo gibt einen Cowboy-Kapitalisten, einen neoliberalen Motivationstrainer, einen „Wolf of Wall Street“. Dauergrinsend springt er zwischen Englisch, Deutsch und Denglish hin und her, die Hundetruppe treibt er mit Tiraden aus Floskeln an. (…) In einem gläsernen Sarg liegt, wie Schneewittchen, der Schauspieler Samuel Koch (als „The Star of the Theatre“ stellt ihn Oscar Olivo vor), sein Gesicht voller Kunstblut, die Haare stehen steif und schräg vom Kopf ab. Schlaff kommentiert er den Verlauf der Geschichte. Irgendwann packen ihn die anderen Darsteller, zerren ihn aus dem Glaskasten und betten ihn auf einer Tischplatte.

Am Ende werden sie, nun in lackledernen Sadomaso-Kostümen gekleidet, Koch mit Nudelsalat füttern, ihn mit den Füssen an Seile fesseln und kopfüber in die Luft ziehen. Er wird in diesem Moment zu Bucks Lieblingsherr John Thornton, knapp unter der Bühnendecke hängend fiebert er nach dem Gold. Es ist ein starkes, ein groteskes Bild für die Gier. Die Überzeichnung ist hier das Mittel, um die bis heute funktionierenden Mechanismen der kapitalistischen Produktion bloßzulegen. Das funktioniert – und ist unterhaltend: So aufgedreht, so wunderbar albern wie hier bekommt man Agit-Prop nur selten.«

Alexander Jürgs, Nachtkritik





»[…] wie das Darmstädter Staatstheater hier auf den Hund kommt, ist doch sehenswert.

Vorsicht, bissiges Ensemble, könnte man am Einlass warnen. […] Das Stück von Christian Tschirner alias Soeren Voima, das den Titelzusatz „Stimme des Kapitals“ trägt, erzählt nicht den Abenteuerroman nach, sondern macht aus Jack Londons Story von Goldgier und Überlebenskampf eine sozialkritische Fabel. Etwa so, als würde man Lassie zum Wachhund auf Orwells „Farm der Tiere“ machen.

Die Ausstatter Jana Findeklee und Joki Tewes zeigen auf der Bühne einen Eisberg, der ein verkohltes Haus gerammt hat. Keine Spur also von „Zurück zur Natur“-Romantik: Die Zivilisation ist abgebrannt, die Natur ist auf Kollisionskurs. In diesem apokalyptischen Sinnbild verwandelt sich das Ensemble von verwilderten Menschen in vermenschlichte Tiere. […] Alles Underdogs – und das Raubtier ist der Kapitalismus.

Die Regie treibt diese Rotte zur Musik zweier Country-Clowns durch eine schräge Revue der Ausbeutung, die von Oscar Olivo angetrieben wird. Der Amerikaner wird zum Kraftzentrum der Show, fordert als Entertainer der Profitmaximierung kleinere Rationen, größeres Pensum, und die Menschenhunde kuschen.[…] Christian Weises sprunghafte Fantasie trifft auf ein Ensemble mit so großem Körpereinsatz, dass es jeden Sprung locker mitmacht.

Und ganz vorne: […] Der querschnittgelähmte Samuel Koch […] liegt zunächst als Gletschermumie in einem Schneewittchensarg. […] Aber weil bei guter Inklusionskunst auch Tote Theater spielen können, sitzt er irgendwann aufrecht am Tisch, dann bäumen sie ihn auf, […] Robert Lang führt Kochs Bewegungen bei einer wüsten Treterei, […] später schnallen sie ihm Schlingen an die Beine, ziehen ihn in die Höhe und Samuel Koch rezitiert das Ende der Geschichte kopfüber.

Auf solche Ideen zu kommen, ist verwegen, es mitzumachen, ist mutig. Wow, denkt man nach 100 Minuten. Oder besser: Wau!«

Stefan Benz, Allgemeine Zeitung