Wenn es Nacht wird. Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs.

Allgemein

 

Falk Richter | Ballhaus Ost Berlin | 2010

Dramaturgie: Maria Linke
Bühne: Jan Pappelbaum
Kostüme: Dascha Kornysheva



Aber dann ist da noch die Inszenierung von Christian Weise, der diesmal mit dem Puppentheater Halle und den Puppenbauerinnen Suse Wächter und Franziska Müller-Hartmann zusammengearbeitet hat. Gemeinsam haben sie das Maskenhafte an Falk Richters Menschenbild zugespitzt, lassen die Schauspieler tatsächlich mit Menschenmasken spielen, auf denen jedes Gesicht zur Fratze erstarrt ist: der Psychoanalytiker mit zurückgekämmter blonder Haarpracht und von Betroffenheit zerfurchter Mine; der Manager mit den herrisch aufgerissenen Augen und einem zum Schrei halbgeöffneten Mund; die junge Frau, Asiatin vielleicht, die in einem banalen Schönheitsschmerz eingefroren scheint – das ist ein Kunstgriff, der den Text und all seine Klischees zur Farce zuspitzt, und so erst die Abgründe aufreißt, um die er sich bemüht.

Nikolaus Merck, Nachtkritik


Es ist tatsächlich eine Nachtvorstellung, die hier geboten wird – aber eine, wie es sie in dieser Virtuosität sonst nirgendwo zu sehen gibt,“ schreibt Andreas Hillger in der Mitteldeutschen Zeitung (3.4. 2010) nach der Premiere in Halle. „Weise hat für diesen zeitweise knallharten, am Ende aber wunderbar sentimentalen Abend ein Ensemble aus halleschen Puppen- und Schauspielern sowie Berliner Gästen zusammengestellt, das jeder Erwartung gerecht wird.“ Der Regisseur stapele Fläche auf Fläche, bis sein Erzählraum Tiefe gewinnte: „Während sich im Vordergrund Masken und Menschen begegnen, werden in dem dahinter liegenden, um 90 Grad gedrehten Raum die Puppen-Videos gedreht, die für den Zuschauer in Echtzeit auf einem Bildschirm und einem Vorhang erscheinen.“ Multitasking-Theater nennt der Kritiker das: „eine Simultan-Situation für die Generation der verzettelten Netzwerker – also für jene, die auch urbanen Unbehausten, die auch durch Falk Richters Geschichten geistern.“ Richter sei ein Meister im Erfinden absurder neoliberaler Biografien im Zeitalter der Globalisierung, die er zudem mit medialen Fiktionen verlinke: „Wer lebt hier noch ein wirkliches Leben – und wer spielt schon in einer Seifenoper? Die einzigen Figuren, die ohne Masken durch die Welt gehen, sind eine alte Frau und ein kleiner Junge – alleingelassen und vergessen, aber immer noch mehr bei sich selbst als die Transitreisenden oder die sexsüchtigen Internet-Junkies.